Weniger Verkehrstote und Schwerverletzte
Ein Tempolimit 130 würde nach Experimental-, Modell- und Feldevidenz jährlich grob 25 bis 80 Menschenleben auf Autobahnen retten, zentral angesetzt sind 49, dazu rund 560 vermiedene Schwerverletzte. Die Richtung des Effekts gehört zum Bestgesicherten der Verkehrsforschung; unsicher bleibt seine genaue Größe, weil die Geschwindigkeit unter dem Limit nur modelliert ist.
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Wert
Auf dem Spiel stehen Menschenleben und schwere, oft lebensverändernde Verletzungen — Querschnittslähmungen, Schädel-Hirn-Traumata, Monate in Reha. Betroffen ist jeder, der Autobahnen nutzt, auch wer selbst nie schneller als 130 fährt: Bei fast der Hälfte der Getöteten auf Autobahnen war zu schnelles Fahren mindestens eines Beteiligten im Spiel [4]. Anders als beim Zeitverlust ist der Schaden hier nicht teilbar und nicht kompensierbar; die Gesellschaft gewichtet vermiedene Todesfälle deshalb höher als jede Komfortgröße. Der Effekt trifft zudem keine abgrenzbare Randgruppe, sondern verteilt sich als gesenktes Risiko über Millionen Autobahnnutzer. Der Wert ist sehr hoch: Es geht um Leben und Gesundheit, die höchste Kategorie, die eine Abwägung kennt.
Impact
2024 starben 284 Menschen auf deutschen Autobahnen, 2025 waren es 292 [4][18]. Rund 72 Prozent der Todesfälle ereignen sich auf Strecken ohne Tempolimit [5]; je gefahrenem Kilometer verzeichnen freie Abschnitte etwa 75 Prozent mehr tödliche Unfälle als limitierte [11]. Ohne die Maßnahme setzt sich der langsame Rückgang fort; auf den freien Strecken bleiben rund 200 Getötete, 3.010 Schwer- und 11.810 Leichtverletzte im Jahr, im Verhältnis der Unfallstatistik von 2019 [5]. Mit Tempo 130 sänke das Mittel des Leichtverkehrs dort von 124,1 auf 117,3 km/h, so wie die BASt es für ein generelles Limit modelliert [2]. Alle drei Tempo-Varianten übersetzen ihren Rückgang nach demselben Rezept: Die beiden Standardmodelle der Verkehrsforschung, Potenz- und Exponentialmodell, ergeben hier 20 und 35 Prozent weniger Getötete, in der Mitte 28 [5]; die kausale Feldschätzung von 2025 fand auf Strecken mit Tempo 120, deren Mittel 12,1 km/h unter dem der freien Strecken liegt, 35 Prozent weniger tödliche Unfälle [17], und über das Potenzmodell auf diesen Rückgang übertragen sind das 21 Prozent. Angesetzt ist die Mitte aus Modellmitte und Feldschätzung, 24 Prozent, nach demselben Rezept 18,5 Prozent weniger Schwer- und 9 Prozent weniger Leichtverletzte: zentral 49 vermiedene Todesfälle pro Jahr (Spanne: 25 bis 80), 560 Schwerverletzte (Spanne: 260 bis 890) und 1.070 Leichtverletzte [4][5][17]. Gegenprobe ist die Studie nur in ihrer Vorfassung von 2022: Sie nennt für Tempo 130 hochgerechnet 65 Getötete und 967 Schwerverletzte, statistisch nicht gesichert, und die Autorin hält gerade diese Schätzung für die schwächste, weil die heutigen 130er-Strecken räumlich gehäuft liegen [39]. Nach diesem Rezept retten Tempo 120, 130 und 140 zentral 78, 49 und 28 Leben: Der Gewinn wächst mit dem Geschwindigkeitsrückgang von 12,1, 6,8 und 3,7 km/h, aber etwas langsamer als er, weil jeder weitere Kilometer pro Stunde auf einem schon gesenkten Risiko ansetzt. Gezählt ist auch das Leid der Angehörigen, ein Zehntel bei Toten und Schwerverletzten [36][37] — in Lebensjahren 3.560 für die Opfer, 340 für die Angehörigen. Der Impact ist substanziell, aber begrenzt: Es geht um Leben und Gesundheit, doch die betroffene Zahl bleibt zweistellig bei den Toten und dreistellig bei den Schwerverletzten.
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| Vermiedene Todesfälle 24 % weniger Getötete auf freien Strecken — Mitte aus Modellmitte (28 %) und übertragener Feldschätzung (21 %), Spanne 25–80 [4][5][17] | 49 × 35 Jahre | 1.715 Lebensjahre | |
| + | Vermiedene Schwerverletzte 18,5 % weniger, Spanne 260–890 | 560 × 3 Jahre | 1.680 Lebensjahre |
| + | Vermiedene Leichtverletzte 9 % weniger | 1.070 × 0,15 Jahre | 161 Lebensjahre |
| + | Leid der Angehörigen nur bei Toten und Schwerverletzten [36][37] | (1.715 + 1.680) × 10 % | 339 Lebensjahre |
| = | Gewonnene Lebensjahre im Jahr | 3.895 Lebensjahre | |
| × | Lebensjahr-Anker | × 40.000 € je Jahr | 156 Mio € |
| ÷ | Normalised Impact Maßstab dieser Seite | 100 Mio € je Punkt | 1,56 |
Plausibilität
Die Beleglage ist ungewöhnlich vielschichtig, und sie reicht bis auf die oberste Sprosse der Zurechnung. Ein Feldexperiment der Bundesanstalt für Straßenwesen von 1975/76 — mit wechselseitig limitierten Untersuchungs- und Vergleichsstrecken, also einer echten Kontrollbedingung — fand 20 Prozent weniger Getötete und Schwerverletzte unter Tempolimit 130 [5]. Eine Auswertung von 2025 mit kausalen Verfahren des maschinellen Lernens auf 500-Meter-Segmenten großer Teile des Netzes kommt für Tempo 120 auf 35 Prozent weniger tödliche Unfälle und liegt damit auf derselben Linie [17]. Dazu kommen natürliche Experimente aus anderen Rechtsräumen: In den USA stiegen die tödlichen Unfälle um 34 bis 60 Prozent, als Bundesstaaten ihre Limits von 55 auf 65 Meilen pro Stunde anhoben; in Brandenburg sank die Unfallkostenrate nach Einführung eines Limits um 26,5 Prozent [5]. Meta-Analysen über 98 Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Unfallschwere als außergewöhnlich stabil, auch in Daten nach 2000 [5]. Der Gegenmechanismus der Risikokompensation — dass sicherere Bedingungen zu unaufmerksamerem Fahren verführen — wurde geprüft; die Präzedenzfälle zeigen keinen Effekt, der die Bilanz dreht [5]. Was streut, ist die Größe, nicht die Richtung: Die Spanne von 25 bis 80 Todesfällen bildet das Alter des deutschen Experiments, die veränderte Fahrzeugflotte, die nur modellierte Geschwindigkeit unter dem Limit und die Übertragung der 120er-Feldschätzung ab und steht in der Menge, nicht im Zurechnungszweifel. Die Zurechnung ist damit keine bloße Ko-Bewegung: Gemessen wurde gegen unlimitierte Vergleichsstrecken, die Strecken wurden zugewiesen und nicht gewählt, und die eine Störgröße, die den Zusammenhang auch ohne Wirkung erzeugen könnte — Risikokompensation —, ist in den Präzedenzfällen geprüft und ohne bilanzdrehenden Effekt geblieben [5]. Die Plausibilität ist sehr hoch: Dass das Limit Leben rettet, ist experimentell, quasi-experimentell und mechanistisch unabhängig belegt — wie viele genau, streut um den Faktor drei.
Kontrafaktum: die wechselseitig unlimitierten Vergleichsstrecken des BASt-Feldversuchs 1975/76 [5]. Design: experimentell — geplante Limitierung mit echter Kontrollbedingung, gestützt durch eine Auswertung von 2025 mit kausalen Verfahren auf 500-Meter-Segmenten [17] und die US-Anhebungen von 55 auf 65 Meilen [5]. Störgröße: Risikokompensation — dass sicherere Bedingungen unaufmerksamer fahren lassen; in den Präzedenzfällen geprüft, ohne Effekt, der die Bilanz dreht. Richtung: keine Umkehrkausalität, die Strecken wurden zugewiesen und nicht gewählt.